zurück

Ernst Weber

Der Großstadtbaum

Zwischen Vorder- und Hinterhaus

blieb für ein winziges Gärtchen Raum;
aus dem kargen Boden heraus
quält sich verkrüppelt ein Kirschenbaum.

Säh’ er die Brüder strotzend vor Kraft,
draußen in Freiheit, in Licht und Luft,

käm er sich vor in der Mauern Haft
wie ein Begrabner in seiner Gruft.

Früchte hat er noch keine gebracht;
Alle starben ihm vor der Zeit.
Kümmerlich sprießt ihm die Blütenpracht,
stehen die andern wie überschneit.

Doch wenn die Kelchlein drängen heraus,
weiße Täßchen auf frischem Grün,
ist es ein Fest für das ganze Haus;
alles kommt und bewundert ihn…

Mögen im Herbst dann früchteschwer
Andre stehen im Lande drauß,
glücklicher machte doch keiner als er
zwischen Vorder- und Hinterhaus.